Begegnungen in Nordbali: Wie die Leute drauf sind
Wie man auf Bali miteinander umgeht: Namen, Höflichkeitsregeln, Trinkgeld, Small Talk und die Fettnäpfchen, in die Gäste zuverlässig treten. Eindrücke aus Nordbali.
Was mir auf Bali als Erstes aufgefallen ist: Niemand hat es eilig, und niemand ist unfreundlich. Nach fünfzehn Jahren Thailand ist das kein Gegensatz, sondern eine andere Tonlage derselben Sache. In Nordbali kommt dazu, dass der Ort klein ist und man sich nach drei Tagen kennt.
Die Kurzfassung
Der Umgang ist ruhig, freundlich und indirekt. Konfrontation gilt als unangenehm, deshalb bekommst du selten ein klares Nein. Höflichkeit läuft über Kleinigkeiten: rechte Hand, Blickkontakt, ein Gruß vor der Frage.
Die wichtigsten Wörter sind selamat pagi (guten Morgen), terima kasih (danke) und sama-sama (bitte). Damit kommst du weiter als mit jedem Reiseführer-Kapitel.
Die Namen
Die erste Verwirrung: Der Tauchguide heißt Wayan, der Fahrer heißt Wayan, die Frau im Warung heißt Wayan. Das ist kein Zufall.
Traditionelle balinesische Namen bilden die Geburtsreihenfolge ab:
- Wayan (auch Putu oder Gede) — erstes Kind
- Made (auch Kadek) — zweites Kind
- Nyoman (auch Komang) — drittes Kind
- Ketut — viertes Kind
Ab dem fünften Kind beginnt die Reihe von vorn. Die Namen sind unabhängig vom Geschlecht; ein vorangestelltes I steht für männlich, Ni für weiblich. Weil das zwangsläufig zu vielen Doppelungen führt, kommt fast immer ein Rufname dazu.
Wenn du das einmal verstanden hast, hast du ein Gesprächsthema für die ganze Reise. Die Frage, das wievielte Kind jemand ist, ist völlig unverfänglich und bringt dir zuverlässig ein Lächeln ein.
Wie Höflichkeit funktioniert
Ein paar Dinge, die man nach zwei Tagen automatisch macht:
Rechte Hand. Geben, nehmen, essen, Geld reichen: rechts. Die linke Hand gilt als unrein. Wenn beide Hände gebraucht werden, ist das kein Problem; die Geste zählt.
Nicht mit dem Fuß zeigen. Und die Füße nicht auf Sitzflächen oder Richtung Altar legen. Der Fuß ist der unreinste Körperteil.
Kopf nicht anfassen. Auch nicht bei Kindern, so freundlich es gemeint ist. Der Kopf gilt als der reinste Körperteil.
Nicht auf Opfergaben treten. Die kleinen Blattschalen mit Blüten, Reis und Räucherstäbchen (Canang Sari) liegen morgens überall: vor Türen, auf Motorrädern, mitten auf dem Gehweg. Man geht drumherum. Ein versehentlicher Tritt ist kein Drama, aber Aufmerksamkeit wird wahrgenommen.
Tempel. Nur mit Sarong und Schärpe, Schultern bedeckt. Die meisten Anlagen leihen beides am Eingang. Menschen mit offenen Wunden und menstruierende Frauen betreten Tempel traditionell nicht; das steht meist am Eingang.
Lautstärke. Laut werden funktioniert nicht. Wer sich beschwert, bekommt Zustimmung und trotzdem nicht, was er wollte. Wer freundlich und beharrlich bleibt, kommt weiter.
Das indirekte Nein
Das war die interessanteste Beobachtung der Reise. Ein direktes Nein ist unhöflich, also gibt es andere Formen davon:
- „Vielleicht später.”
- „Ja, ja.” (mit Lächeln, ohne Bewegung)
- „Ist schwierig.”
- Ein Themenwechsel.
Für Taucher ist das relevant, weil es auch beim Briefing gilt. Wenn du fragst „Ist die Strömung heute stark?” und die Antwort „Ein bisschen, kein Problem” lautet, hast du keine Information bekommen. Besser sind offene Fragen: „Wie war die Strömung gestern an dem Spot?” oder „Was würdest du an meiner Stelle machen?”. Darauf bekommst du eine ehrliche Antwort, weil sie niemanden vor den Kopf stößt.
Mein Tipp: Frag den Guide nicht, ob etwas geht, sondern was er selbst tun würde. Der Unterschied in der Antwortqualität ist gewaltig.
Small Talk
Die Standardfrage an Fremde ist „Mau ke mana?” — wohin gehst du? Das ist keine Neugier, sondern das Äquivalent zu „Alles klar?”. Eine vage Antwort reicht völlig: „Jalan-jalan” (spazieren) ist die perfekte Erwiderung und wird immer belohnt.
Weitere Fragen, die kommen: woher, wie lange, verheiratet, Kinder. Das wirkt für deutsche Ohren übergriffig und ist es nicht — es ist die normale Art, jemanden einzuordnen. Wer zurückfragt, hat sofort ein Gespräch.
Was nicht funktioniert: Ironie und Sarkasmus. Beides kommt nicht an und wird als Ernst verstanden.
Die Tauchguides
Ein eigenes Kapitel, weil man mit ihnen die meiste Zeit verbringt.
Das fachliche Niveau an dieser Küste war durchweg gut. Was mich beeindruckt hat, ist etwas anderes: das Ortswissen. Ein Guide, der weiß, an welchem Schwamm der Anglerfisch seit drei Wochen sitzt, hat sich das über Hunderte Tauchgänge am selben Riff erarbeitet. In Seraya und am Hausriff ist das der komplette Unterschied zwischen einem leeren und einem vollen Tauchgang.
Umgekehrt gilt: Frag nach. Guides führen nicht ungefragt zum seltenen Tier, wenn sie denken, die Gruppe will Weitwinkel. Sag vorher, was dich interessiert.
Trinkgeld: Nach einem guten Tauchtag ist ein spürbarer Betrag üblich und angemessen. Es gibt keine feste Regel, aber die Guides leben in erheblichem Maß davon.
Was mich überrascht hat
Wie präsent Religion ist. Nicht als Programm, sondern als Takt. Opfergaben morgens, Gamelan-Musik aus einer Seitenstraße, ein Zeremonienzug, der die Küstenstraße blockiert und für den einfach alle warten. Mehr dazu im Beitrag über Zeremonien im Januar.
Wie wenig Aufdringlichkeit. In Pemuteran wurde ich in zwölf Tagen kein einziges Mal auf der Straße angesprochen, um mir etwas zu verkaufen. Im Süden Balis sieht das anders aus.
Wie gemischt der Norden ist. Der Nordwesten hat eine Bevölkerung aus hinduistischen Balinesen, Muslimen und javanischen Zuwanderern. Das sieht man an Moscheen neben Tempeln und schmeckt man an den Küchen. Die Vorstellung von Bali als homogen hinduistischer Insel stimmt hier nur teilweise.
Praktisches
Sprache. Bahasa Indonesia ist die Verkehrssprache, Balinesisch die Sprache untereinander. Niemand erwartet, dass du Balinesisch lernst.
Fotos von Menschen. Fragen. Fast immer bekommst du ein Ja, aber die Frage ist der Punkt. Bei Zeremonien gilt: Abstand halten, nicht in Blickachsen stehen, nicht auf Mauern klettern.
Bargeld und Wechselgeld. Kleine Scheine sind Gold wert. Warungs, Fahrer und Märkte haben oft nicht auf große Scheine heraus.
Roller. Wer fährt, braucht einen internationalen Führerschein mit Motorradklasse, sonst ist der Versicherungsschutz weg. Und einen Helm, der auch einer ist. Was sonst noch praktisch relevant ist, steht im Beitrag zu Geld, SIM und Alltag.
Für die Fahrten mit Tauchausrüstung und Kamera hat sich der wasserdichte Rucksack bewährt, den ich ohnehin fürs Boot dabei hatte. Auf dem Roller in einem der Nachmittagsschauer ist er von der netten zur notwendigen Anschaffung geworden.
Was ich dir empfehle: Lern fünf Wörter, gib mit rechts, geh um die Opfergaben herum und frag den Guide nach seiner Meinung statt nach seiner Erlaubnis. Mehr braucht es nicht, und es macht in zwei Wochen einen erstaunlichen Unterschied.
Häufig gestellte Fragen
Ist Nordbali touristisch überlaufen? Nein. Pemuteran und die Küste dort sind ruhig, die Gäste verteilen sich, und außerhalb der Tauchbasen begegnest du überwiegend Einheimischen. Das ist im Süden der Insel völlig anders.
Wie ist das Verhältnis zu deutschen Gästen? Unauffällig freundlich. Deutsche Taucher sind an dieser Küste keine Seltenheit, einzelne Guides sprechen ein paar Brocken Deutsch. Erwarten sollte man das nicht.
Kann ich als Frau alleine reisen? Nordbali gilt als entspannt und sicher. Die üblichen Vorsichtsmaßnahmen gelten wie überall, aber der Ort selbst ist ruhig und sozial gut kontrolliert.
Was schenkt man, wenn man eingeladen wird? Etwas Essbares oder Obst ist immer richtig. Alkohol nicht ungefragt, weil du nicht weißt, ob der Haushalt muslimisch ist.
Wie gehe ich mit Bettelei um? Kommt in Nordbali kaum vor. Wenn doch, ist ein freundliches Kopfschütteln völlig ausreichend. Wer helfen möchte, tut das wirksamer über lokale Projekte, etwa das Korallenprojekt in Pemuteran.