Biorock Pemuteran: Korallen unter Strom
Das Biorock-Projekt in Pemuteran: Wie Stahl unter Schwachstrom Korallen wachsen lässt, was seit 2000 daraus wurde und wie du die Strukturen selbst betauchst.
In Pemuteran liegen im Flachwasser vor dem Strand rund hundert Stahlkonstruktionen, durch die Strom fließt. Das klingt nach einer schlechten Idee und ist tatsächlich eines der interessantesten Korallenrestaurierungsprojekte der Welt. Ich bin es zweimal getaucht und einmal geschnorchelt, weil es beim ersten Mal nicht in den Kopf wollte, was da eigentlich passiert.
Biorock in einem Absatz
Biorock funktioniert über Elektrolyse. Ein schwacher Gleichstrom fließt durch eine Stahlstruktur im Meerwasser. An der Kathode scheidet sich gelöstes Calciumcarbonat aus — dasselbe Material, aus dem Korallen ihr Skelett aufbauen. Auf dieser Kalkschicht wachsen aufgesetzte Korallenfragmente schneller als auf blankem Untergrund und überstehen Hitzestress nachweislich besser.
Vor Pemuteran stehen die Strukturen in 2 bis 7 Metern Tiefe, direkt vor dem Strand. Das Projekt läuft seit dem Jahr 2000 und ist eine der größten Installationen dieser Art weltweit.
Warum ausgerechnet hier
Pemuteran war in den 1990er-Jahren kein Vorzeigeort. Die Riffe vor der Küste hatten unter zerstörerischen Fischereimethoden gelitten — Sprengstoff und Zyanid waren an Balis Nordküste keine Seltenheit — und die weltweite Korallenbleiche von 1997/98 gab dem Rest den Zerschlag.
Die Reaktion kam nicht von einer Regierungsbehörde, sondern aus dem Dorf: Fischer, Hotelbetreiber und Tauchbasen organisierten gemeinsam den Riffschutz, inklusive einer lokalen Riffwache, die das Fangverbot in der Bucht durchsetzt. Auf diese Struktur setzte das technische Projekt auf, das der Architekt Wolf Hilbertz und der Meeresbiologe Thomas Goreau entwickelt hatten.
Diese Reihenfolge ist der eigentliche Grund für den Erfolg. Die Technik allein hätte nichts gebracht, wenn nebenan weiter mit Sprengstoff gefischt worden wäre. Das Projekt wurde für diesen gemeinschaftlichen Ansatz international mehrfach ausgezeichnet.
Wie sich das unter Wasser anfühlt
Beim ersten Blick ist es unspektakulär. Die Strukturen sind Gerüste: Kuppeln, Bögen, langgestreckte Rahmen. In den älteren ist vom Stahl nichts mehr zu sehen. Was du siehst, ist eine bewachsene Form, die geometrisch zu regelmäßig ist, um natürlich zu sein.
Interessant wird es beim zweiten Hinschauen, und dafür lohnt sich der Vergleich zwischen alten und neuen Strukturen im selben Tauchgang:
- Junge Strukturen: Stahl noch sichtbar, dünne weiße Kalkschicht, einzelne aufgebundene Fragmente.
- Mittelalte: geschlossene Kalkkruste, Korallen wachsen zusammen, erste Fische halten sich dauerhaft dort auf.
- Alte Strukturen: nicht mehr von einem natürlichen Riffblock zu unterscheiden, mit Anemonen, Fahnenbarschen, Falterfischen und Nacktschnecken.

Für Fotografen ist das flache, gut ausgeleuchtete Wasser dankbar: 2 bis 7 Meter, Sonnenlicht von oben, klare Strukturen im Bild. Wer aus dem Muck Diving in Seraya kommt, wo alles dunkel und getarnt ist, empfindet das fast als Erholung.
Mein Tipp: Nimm den Biorock-Tauchgang als letzten des Tages, nach einem tiefen Riff- oder Wandtauchgang. Sieben Meter Tiefe entlasten die Nullzeit, und du kannst 70 Minuten dort bleiben, ohne auf irgendetwas zu achten.
Was das Projekt nicht ist
Hier lohnt Nüchternheit, weil Korallenrestaurierung gern als Lösung verkauft wird. Ist sie nicht.
Biorock repariert lokal beschädigte Riffabschnitte und erhöht die Widerstandsfähigkeit einzelner Kolonien. Was es nicht kann: Meerestemperatur senken, Versauerung aufhalten oder großflächige Bleiche verhindern. Es ist Intensivmedizin für einen sehr kleinen Patienten — sinnvoll, sichtbar wirksam, und im Maßstab des Problems winzig.
Der zweite Punkt: Die Strukturen brauchen dauerhaft Strom. Fällt die Versorgung längere Zeit aus, endet die Kalkabscheidung. Was einmal gewachsen ist, bleibt zwar, aber der Beschleunigungseffekt verschwindet. Ein Restaurierungsprojekt mit Stromrechnung ist ein Projekt, das dauerhaft jemanden braucht, der zahlt und wartet.
Was das Projekt tatsächlich verändert hat, ist der Ort. Pemuteran lebt heute vom Tauchtourismus statt vom Fischfang, und ein intaktes Riff ist damit ökonomisch wertvoller als ein leergefischtes. Diese Rechnung überzeugt vor Ort nachhaltiger als jedes Umweltargument.
Was du als Gast beitragen kannst
Der wirksamste Beitrag ist unspektakulär und hat nichts mit Spenden zu tun:
- Tarierung. Der häufigste Riffschaden durch Taucher ist der Flossenschlag in die Koralle. In 2–7 Metern Tiefe, wo du ständig auf- und abpendelst, ist das Risiko am größten.
- Rifffreundliche Sonnencreme. Oxybenzon und Octinoxat stehen im Verdacht, Korallenbleiche zu begünstigen. Eine mineralische Reef-Safe-Creme ist der einfachste Tausch überhaupt. Noch besser ist es, die Haut gar nicht erst einzucremen und stattdessen ein UV-Shirt zu tragen — was auf dem Boot ohnehin angenehmer ist.
- Basis mit Beteiligung wählen. Mehrere Tauchbasen im Ort sind am Projekt beteiligt und bieten Führungen an. Frag danach.
- Nichts anfassen. Weder die Strukturen noch die aufgebundenen Fragmente. Die jungen Korallen sitzen mechanisch fest, nicht verwachsen.
Wer das Thema aus der Koh-Tao-Perspektive kennt: Dort läuft mit den Dive-Against-Debris-Aktionen ein anderer Ansatz — Müllentnahme und Monitoring statt aktiver Restaurierung. Beides adressiert unterschiedliche Probleme desselben Riffs.
Was ich dir empfehle: Betauche das Biorock-Feld nicht isoliert, sondern nach zwei, drei Tagen an den Hausriffen von Pemuteran. Erst wenn du weißt, wie ein gesundes Riff dort aussieht, erkennst du an den Strukturen, was daran gemacht und was gewachsen ist.
Häufig gestellte Fragen
Wachsen Korallen auf Biorock wirklich schneller? Die Betreiber und begleitende Untersuchungen berichten von deutlich beschleunigtem Wachstum und höherer Überlebensrate bei Hitzestress. Die genauen Faktoren variieren je nach Art und Bedingungen, und die Methode wird in der Fachwelt nicht einhellig bewertet. Unstrittig ist, dass die Strukturen in Pemuteran nach über zwei Jahrzehnten dicht bewachsen sind.
Kann man das Feld auch ohne Tauchschein sehen? Ja, und das ist die einfachste Variante. Die Strukturen liegen so flach, dass Schnorcheln vollkommen reicht. Wer mit Nichttauchern reist, hat hier ein seltenes gemeinsames Programm.
Gibt es solche Projekte auch in Thailand? Es gibt Restaurierungs- und Aufzuchtprojekte im Golf von Thailand, allerdings meist mit anderen Methoden — Korallengärten und Rahmenstrukturen ohne Elektrolyse. Ein Biorock-Feld dieser Größe ist mir dort nicht bekannt.
Wie viel kostet der Tauchgang? Er läuft als normaler Hausrifftauchgang, also etwa 600.000–750.000 IDR. Viele Basen bauen ihn als zweiten oder dritten Tauchgang des Tages ein, weil er so flach ist.
Ist die Bucht wirklich geschützt? Ja, in der Bucht gilt ein von der Dorfgemeinschaft getragenes Fang- und Ankerverbot. Der Unterschied zu ungeschützten Abschnitten der Nordküste ist unter Wasser deutlich sichtbar.