Tauchen mit Asthma: Freigabe, Risiken und Koh Tao
Tauchen mit Asthma ist möglich — wenn du stabil bist und FEV1 > 70% erreichst. Wie du die DAN-Freigabe bekommst und auf Koh Tao sicher tauchst.
Ich werde nie vergessen, wie ein Gast bei mir am Divecenter auf Koh Tao ankam, das Formular ausfüllte und bei “Asthma” zögerte. Er schaute mich an: “Ich muss das ankreuzen, oder?” Ja, musste er. Und nein, das war kein Grund zur Panik — aber es bedeutete einen Umweg, den viele Asthmatiker nicht kennen.
Dieser Umweg ist kürzer als du denkst. Und er endet für viele mit einem Tauchschein und einem der schönsten Korallenriffe Südostasiens direkt vor der Brust.
Darf ich mit Asthma tauchen? — Die Kurzantwort
Stabiles, kontrolliertes Asthma ohne belastungsinduzierte Komponente ist in vielen Fällen mit dem Tauchen vereinbar. Die entscheidende Messgröße: ein FEV1-Wert (Einsekundenkapazität) von mehr als 70% des Sollwerts in der Spirometrie. Liegt dein Wert darüber, du bist seit mindestens drei Monaten symptomfrei ohne Bedarfsmedikament, und es liegt keine belastungsinduzierte Asthmakomponente vor — dann sprechen die DAN-Leitlinien (Divers Alert Network) nicht grundsätzlich gegen das Tauchen. Du brauchst dafür eine individuelle Freigabe durch einen tauchtauglichen Arzt, nicht einfach ein “okay” vom Hausarzt.
Unkontrolliertes Asthma, regelmäßiger Gebrauch von Salbutamol und belastungsinduziertes Asthma (Exercise-Induced Asthma, EIA) sind klare Kontraindikationen.
Warum Asthma und Tauchen medizinisch heikel ist
Was Druckluft mit Asthma-Atemwegen macht
Beim Tauchen atmest du Druckluft aus einer Stahlflasche — die ist kalt und trocken, auch wenn das Wasser um dich herum 29 °C warm ist. Asthmatische Atemwege reagieren auf genau diese zwei Faktoren empfindlich: Kälte und Trockenheit der eingeatmeten Luft lösen bei vielen Betroffenen eine reflektorische Bronchokonstriktion aus. Zusätzlich erzeugt jeder Atemregler einen gewissen Atemwiderstand. Normal für einen gesunden Taucher, spürbar anstrengender für jemanden mit eingeschränkter Lungenfunktion.
Dazu kommt: Unter Wasser steigt der Umgebungsdruck mit jeder Tiefe um etwa 0,1 bar pro Meter. Auf 10 Metern beträgt der Druck bereits 2 bar — die Luft, die du einatmest, ist doppelt so dicht. Mehr Atemarbeit für jeden Atemzug. Für stabile Lungen kein Problem. Für entzündete, verengte Bronchien eine potenzielle Belastung.
Spontanpneumothorax — das unterschätzte Risiko
Das gravierendste Risiko beim Tauchen mit Asthma ist nicht die Bronchokonstriktion selbst — es ist die Barotrauma-Gefahr. Asthmatisch veränderte Lungen enthalten manchmal Areale, in denen Luft schlechter ausströmen kann: sogenannte Air Trapping Zones. Beim Aufstieg dehnt sich eingeschlossene Luft aus (Boyle-Mariottesches Gesetz). Wenn sie keinen Ausweg findet, kann das zur Überblähung und im schlimmsten Fall zum Spontanpneumothorax führen — einer lebensbedrohlichen Situation, die unter Wasser kaum zu managen ist.
Die Spirometrie mit Belastungstest ist deshalb nicht optional, sondern Pflicht: Sie soll solche Restbefunde aufdecken, bevor du ins Wasser gehst.
Bronchokonstriktion unter Wasser: Warum das gefährlich ist
Eine Bronchokonstriktion an Land ist unangenehm, aber du kannst sofort reagieren: Inhalator raus, Notarzt rufen, Umgebung wechseln. Unter Wasser auf 20 Metern Tiefe hast du keinen dieser Handlungsspielräume. Du kannst nicht einfach auftauchen — ein Notaufstieg birgt die Barotrauma-Gefahr. Dein Inhalator ist oben auf dem Boot. Der nächste Tauchpartner ist einige Meter entfernt. Tauchtaugliche Ärzte schauen bei der Freigabe deshalb genau hin: nicht ob du Asthma hast, sondern ob dein Asthma stabil genug ist, dass unter Wasser nichts passiert.
Welche Asthma-Formen erlauben Tauchen — und welche nicht
Absolutes No-Go: unkontrolliertes und belastungsinduziertes Asthma
Zwei Formen schließen das Tauchen nach aktuellem DAN-Leitlinienstand aus:
Unkontrolliertes Asthma — wenn du in den letzten vier Wochen einen Asthmaanfall hattest, regelmäßig dein Bedarfs-Spray (Salbutamol) einsetzt oder dein FEV1 unter 70% des Sollwerts liegt, ist Tauchen keine Option. Nicht wegen bürokratischer Strenge, sondern weil das Risiko eines Ereignisses unter Wasser nicht kalkulierbar ist.
Belastungsinduziertes Asthma (EIA) — Exercise-Induced Asthma wird durch körperliche Anstrengung getriggert. Tauchen ist körperliche Anstrengung: Strömungstauchen, Aufstieg, Schwimmen gegen Wellen. Ein Auslöser, den du unter Wasser nicht vermeiden kannst, ist tauchmedizinisch ein k.o.-Kriterium.
Grüner Bereich: stabiles allergisches Asthma ohne Belastungskomponente
Wenn du allergisches Asthma hast — saisonal getriggert durch Pollen, ohne jede Belastungskomponente — und du bist seit mindestens drei Monaten außerhalb der Allergiesaison oder gut eingestellt symptomfrei, dann ist das eine grundlegend andere Ausgangslage. Viele Asthmatiker in dieser Gruppe tauchen seit Jahren problemlos. Die Freigabe bleibt trotzdem notwendig — aber die Chancen auf ein klares Ja sind real.
Insider: Auf Koh Tao haben wir ganzjährig kaum Pollenbelastung. Das Meeresklima ist für Allergiker oft deutlich besser als zuhause. Mehrere meiner regelmäßigen Taucher sind Asthmatiker, denen es unter Wasser im Golf von Thailand besser geht als auf dem deutschen Frühlingsrasen.
Inhalator (Salbutamol) unter Wasser: Darf ich das?
Die offizielle Antwort ist nüanciert: Salbutamol ist unter Druckbedingungen pharmakologisch verändert, und die Datenlage zu seiner Wirkung unter Wasser ist dünn. Kein seriöser Tauchmediziner empfiehlt es als “Plan A unter Wasser”. Was viele Asthmatiker in der Praxis tun: den Inhalator auf dem Boot lassen und für den Notfall auf Deck bereithalten. Dein Tauchpartner sollte wissen, wo er ist und wie er ihn anwendet. Eine pragmatische Lösung — die aber voraussetzt, dass das Szenario “Asthmaanfall unter Wasser” durch eine sorgfältige Freigabe eigentlich nicht eintreten sollte.
Der Weg zur Freigabe — DAN Medical Assessment Schritt für Schritt
PADI Medical Statement: Welches Feld du ausfüllen musst
Das PADI Medical Statement ist das Formular, das jeder Kursteilnehmer vor dem ersten Tauchkurs ausfüllt. Frage 5 lautet sinngemäß: “Haben Sie jemals Asthma gehabt oder leiden Sie aktuell daran?” Wer Ja ankreuzt, darf nicht automatisch nicht tauchen — muss aber vor Kursbeginn eine ärztliche Tauchtauglichkeitsbescheinigung vorlegen. Das ist Sorgfaltspflicht der Tauchschule und dein Schutz.
Lüge nicht. Eine falsche Angabe im Medical Statement kann im Schadensfall dazu führen, dass die DAN-Versicherung nicht zahlt und die Tauchschule von der Haftung freigestellt wird.
Spirometrie und Belastungstest: Was der Arzt misst
Die zentrale Untersuchung ist die Spirometrie: Dabei bläst du so schnell und so viel du kannst in ein Mundstück. Gemessen werden unter anderem:
- FEV1 (Forciertes Exspirationsvolumen in einer Sekunde): Entscheidender Wert, Grenze bei > 70% des Sollwerts
- FVC (Forcierte Vitalkapazität): Gesamtvolumen der ausgeatmeten Luft
- FEV1/FVC-Verhältnis (Tiffeneau-Index): Sagt aus, wie obstruktiv die Atemwege sind
Viele tauchtaugliche Ärzte ergänzen die Spirometrie durch einen Belastungstest: Du gehst auf dem Laufband oder Fahrradergometer bis auf 85% der maximalen Herzfrequenz, danach wird die Spirometrie wiederholt. Fällt der FEV1-Wert um mehr als 15% ab, gilt das als Hinweis auf belastungsinduzierte Komponente — und damit als Kontraindikation.
Wo du in Deutschland einen tauchtauglichen Arzt findest
Der VDST (Verband Deutscher Sporttaucher) pflegt unter vdst.de eine Ärzteliste mit GTÜM-zertifizierten Taucherärzten (Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin). Das ist in Deutschland die erste Anlaufstelle. DAN Europe (dan.org) führt ebenfalls eine internationale Ärzteliste.
Plane für die Untersuchung rund 90 bis 120 Minuten ein. Die Kosten liegen je nach Arzt und Umfang zwischen 80 und 180 Euro — Krankenkassen übernehmen das in der Regel nicht, da es sich um eine Sporttauglichkeitsuntersuchung handelt.
Mein Tipp: Hol dir die Freigabe vor deiner Reise nach Koh Tao, nicht erst dort. Auf der Insel gibt es Tauchärzte, aber du willst keine wertvolle Urlaubszeit mit Behördengängen verbringen.
Tauchen auf Koh Tao mit Asthma — praktische Hinweise
28–30 °C Wassertemperatur: hilft das Asthmatikern?
Meistens ja. Das Wasser im Golf von Thailand liegt von März bis Oktober bei 29–30 °C, im Dezember und Januar sinkt es auf 26–27 °C. Keine eiskalte Atemluft aus der Flasche, geringere Temperaturdifferenz zwischen Außenluft und Atemgas. Asthmatiker, die auf Kaltwasser-Tauchreisen Probleme hatten, berichten häufig, dass Koh Tao sich deutlich besser anfühlt. Das macht Warmwasser nicht zur Freigabe — aber es verbessert die praktische Erfahrung.
Dazu kommt die Luftqualität: Koh Tao ist eine kleine Insel ohne Industrie. Der Allergengehalt der Luft ist ein Bruchteil dessen, was du in einer deutschen Großstadt hast. Für Allergiker kann das allein schon eine spürbare Verbesserung bedeuten.
Was du der Tauchschule sagen musst (und warum Ehrlichkeit Pflicht ist)
Überreiche beim Check-in dein ausgefülltes Medical Statement und deine ärztliche Freigabe zusammen. Seriöse Tauchschulen auf Koh Tao kennen den Umgang damit. Was du der Tauchschule sagen solltest:
- Welche Medikamente du nimmst und wann du die letzte Dosis hattest
- Ob du deinen Inhalator dabei hast und wo er auf dem Boot verstaut ist
- Bei welchen Symptomen du sofort ein Signal gibst und auftauchst
- Ob und welche Tauchgrenzen dir dein Arzt empfohlen hat (z.B. keine Tiefe > 20 Meter)
Ein guter Instructor nimmt diese Informationen auf und brieft ggf. deinen Tauchpartner ebenfalls. Das ist Standardprofessionalität.
Erste eigene Ausrüstung: warum gut sitzende Maske und passender Neopren zählen
Wenn du als Asthmatiker mit dem Tauchen anfängst, lohnt sich die Investition in eigene Ausrüstung früher als bei Tauchanfängern ohne Vorerkrankung. Mietausrüstung ist ein Kompromiss — sie passt meistens “irgendwie”, selten perfekt. Für dich ist eine exakt sitzende Maske wichtiger als für andere, weil eine undichte Maske, die du ständig ausblasen musst, Atemarbeit kostet und Stress erzeugt.
Die Cressi F1 Frameless Tauchmaske sitzt bei fast jedem Gesicht dicht, ohne zu drücken — ihr weiches Einscheiben-Silikon gibt nach, ohne zu kneifen. Null Ablenkung durch Equipment, volle Konzentration auf dein Atemmuster.
Für Koh Tao mit 29 °C Wassertemperatur reicht ein 3 mm Shorty vollständig aus — alles Dickere ist bei dieser Wassertemperatur kontraproduktiv, du überhitzt und dein Herzkreislaufsystem wird unnötig belastet. Ein Cressi Med X Shorty hält dich warm genug, ohne dich einzuengen. Gerade für Asthmatiker relevant: Beengende Neoprenanzüge erzeugen ein Engegefühl in der Brust, das du nicht brauchst.
Tauchcomputer für Asthmatiker: konservative Dekoprofile
Jedem Taucher mit Vorerkrankung empfehle ich: Kauf einen eigenen Tauchcomputer und stell ihn auf konservative Einstellungen. Leihcomputer in Tauchschulen sind oft auf normale Sicherheitsfaktoren kalibriert; du kannst nichts anpassen.
Mit eigenem Computer — ich empfehle Einsteigern den Suunto Zoop Novo — kannst du den Konservativitätsfaktor erhöhen. Längere Sicherheitsstopps auf 5 Metern (statt der Pflicht-3 Minuten gerne 5–6 Minuten), engere No-Decompression-Limits, mehr Sicherheitspuffer vor dem nächsten Tauchgang. Für Asthmatiker gilt: lieber eine Tauchtiefe weniger und eine Pause mehr. Der Zoop Novo ist robust, leicht zu lesen und hat seit Jahren einen guten Ruf in der Budget-Kategorie — für unter 200 Euro ein solider erster Computer.
Die Tauchtauglichkeitsuntersuchung gibt dir außerdem einen vollständigen Überblick, was beim Fitness-to-Dive-Check geprüft wird — nicht nur für Asthma, sondern für alle relevanten Vorerkrankungen.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich einen Tauchkurs auf Koh Tao machen, wenn ich Asthmatiker bin? Ja — wenn dein Asthma gut kontrolliert ist, kein belastungsinduzierter Auslöser vorliegt und dein FEV1-Wert über 70% des Sollwerts liegt. Mit ärztlicher Freigabe und ausgefülltem Medical Statement absolvierst du den PADI Open Water Kurs auf Koh Tao bei jeder seriösen Tauchschule.
Muss ich meiner Tauchschule von meinem Asthma erzählen? Ja — das ist Pflicht, nicht optional. Das PADI Medical Statement fragt explizit danach. Wer das verschweigt, riskiert im Notfall seinen Versicherungsschutz und gefährdet sich selbst. Jede seriöse Schule auf Koh Tao ist damit vertraut.
Was ist das DAN Medical Assessment und wie bekomme ich es? Eine standardisierte Tauchtauglichkeitsuntersuchung durch einen DAN-zertifizierten oder GTÜM-qualifizierten Arzt. Ärzteliste unter vdst.de oder dan.org. Die Untersuchung dauert 90–120 Minuten und kostet je nach Praxis 80–180 Euro.
Darf ich meinen Inhalator mit auf den Tauchgang nehmen? Nicht empfohlen für den Unterwassereinsatz — die meisten Mediziner raten, den Inhalator auf dem Boot griffbereit zu lassen. Besprich das konkret mit deinem Tauchmediziner und briefe deine Tauchschule entsprechend.
Welche Asthma-Medikamente sind beim Tauchen erlaubt? Inhalierte Kortikosteroide (ICS) gelten als unbedenklich. LABA-ICS-Kombinationen sind in der Regel akzeptiert. Kurzwirksame Beta-2-Agonisten (SABA/Salbutamol) als Bedarfsmedikament sind ein Warnsignal — wenn du sie regelmäßig brauchst, ist dein Asthma nicht kontrolliert genug fürs Tauchen. Kläre das Medikationsschema mit deinem Arzt, bevor du buchen.
Hol dir erst die Freigabe, dann buch die Reise. Die Untersuchung beim VDST-Arzt dauert einen Nachmittag und kostet weniger als dein Flug nach Koh Tao. Wenn das Ergebnis grün ist, tauche los — das Wasser hier ist warm, klar und geduldig. Wenn nicht, weißt du zumindest, woran du weiter arbeiten kannst.
Schau vor dem Kurs auch in den Artikel über Tauchen mit Erkältung — der zeigt, welche temporären Atemwegsthemen ebenfalls Tauchverbote nach sich ziehen und warum das nichts mit Übervorsicht zu tun hat.