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Weihnachtsbaumwurm Koh Tao: Der Röhrenwurm in der Koralle

Weihnachtsbaumwürmer auf Koh Tao: Biologie, Farbenvielfalt, beste Spots und Tipps für spektakuläre Makrofotos von Spirobranchus giganteus.

MB
Marc Böhle
Aktualisiert: 15. März 2026
Weihnachtsbaumwurm Spirobranchus giganteus mit bunten Doppelspiralen eingebohrt in Porites-Koralle auf Koh Tao
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Du tauchst über ein flaches Riff, der Blick fällt auf eine massive Porites-Koralle — und aus ihr ragen Dutzende farbige Spiralen heraus, die aussehen wie winzige Tannenbäume in Miniaturformat. Orange, blau, weiß, gestreift. Manche sind so leuchtend, dass du denkst, jemand hätte Weihnachtsschmuck ins Riff gesteckt.

Der Weihnachtsbaumwurm ist eines dieser Tiere, das beim ersten Anblick verwirrt. Ist das eine Pflanze? Ein Pilz? Eine Koralle? Die Antwort ist deutlich seltsamer und interessanter als erwartet.

Weihnachtsbaumwurm auf Koh Tao — die Kurzantwort

Der Weihnachtsbaumwurm (Spirobranchus giganteus) ist kein Baum und keine Pflanze, sondern ein Röhrenwurm aus der Familie der Serpulidae. Er lebt permanent in einer selbst gegrabenen Röhre tief im Kalkgerüst lebender Porites-Korallen eingebohrt. Was du siehst, sind seine zwei Atemfächer — Kiemenbüschel in Spiralform, die gleichzeitig dem Gasaustausch und der Nahrungsaufnahme dienen. Die sichtbaren Spiralen messen meist nur 3–4 Zentimeter Durchmesser. Der eigentliche Körper des Wurms bleibt verborgen.

Auf Koh Tao ist Spirobranchus giganteus extrem häufig. An den meisten Riffen in 2–20 Metern Tiefe findest du ihn auf jeder größeren Porites-Koralle — manchmal sitzen 10–20 Individuen auf einem einzigen Korallenstock.

Biologie der Doppelspiralen

Die zwei Spiralen des Weihnachtsbaumwurms werden Radiolen genannt. Jede Spirale besteht aus einem Stamm (Rachis), von dem sich zahlreiche Seitenäste (Pinnulae) abspreizen — ähnlich wie bei einem Tannenzweig, was dem Tier seinen Namen eingebracht hat.

Die Funktion dieser Strukturen ist doppelt: Erstens filtrieren die Radiolen winziges Plankton und organische Partikel aus dem vorbeifließenden Wasser. Feine Zilien (Flimmerhärchen) erzeugen einen Wasserstrom, der Nahrungspartikel in Richtung Mundöffnung am Basis der Spiralen transportiert. Zweitens fungieren die Radiolen als Kiemen — Sauerstoff wird direkt durch die dünnen Wände der Pinnulae aus dem Wasser aufgenommen.

Ein einziger Weihnachtsbaumwurm filtert dabei kontinuierlich Wasser durch seine Spiralen, solange die Umgebung ruhig ist. Bei Störung zieht er sich in unter einer Sekunde vollständig in seine Röhre zurück — ausgelöst durch spezialisierte Mechanosensoren, die auf Vibrationen und Lichtveränderungen reagieren.

Der blitzartige Rückzug

Wenn du als Taucher deine Hand in Richtung eines Weihnachtsbaumwurms bewegst, verschwindet er, bevor deine Finger auch nur in die Nähe kommen. Diese Reaktion ist erstaunlich schnell — Messungen zeigen Rückzugszeiten von unter 50 Millisekunden.

Der Mechanismus dahinter sind hochspezialisierte Mechano- und Photorezeptoren in den Radiolen. Schattenwurf, Druckwellen im Wasser und direkte Berührung lösen reflexartig eine Kontraktion der Längsmuskulatur aus, die den gesamten Kiemenapparat in die Schutzröhre zieht. Am Eingang der Röhre sitzt ein hornartiger Deckel, das Operculum, das die Öffnung nach dem Rückzug verschließt.

Ein paar Sekunden nach der Störung tauchen die Spiralen langsam wieder auf — erst prüfend, dann vollständig entfaltet. Dieses Verhalten kannst du als Taucher gut beobachten: Wenn du dich vollkommen ruhig verhältst und keine Schattenreize erzeugst, erholt sich der Wurm schnell. Für Makrofotografen ist Geduld deshalb wichtiger als Tempo.

Farbenvielfalt: Warum sind Weihnachtsbaumwürmer so bunt?

Die Farbpalette von Spirobranchus giganteus ist ungewöhnlich vielfältig für ein Tier dieser Größe: reinweiß, gelb, orange, rot, blau, violett, braun, gestreift, gepunktet. Selbst innerhalb einer einzigen Porites-Koralle sitzen oft drei oder vier Individuen in völlig unterschiedlichen Farben direkt nebeneinander.

Die Ursache dieser Farbenvielfalt ist noch nicht vollständig geklärt. Es gibt keine Hinweise auf eine Schutzfunktion der Farben (das Tier verschwindet ja bei Gefahr sofort), und sexuell bedingte Farbunterschiede zwischen Männchen und Weibchen sind nicht dokumentiert. Die aktuelle Hypothese in der Meeresbiologie: Die Farbvarianz ist genetisch determiniert und für das Tier selbst funktionell neutral — eine evolutionäre Spielerei, die sich nicht negativ auf das Überleben auswirkt und deshalb erhalten blieb.

Für Taucher und Fotografen ist das ein Geschenk: Kein anderes Tier auf dem Riff bietet so viel Farbvariation in so dichter Häufung.

Das Verhältnis zur Porites-Koralle

Das Einbohren in lebende Korallen klingt zunächst parasitisch, ist aber biologisch komplexer. Der Weihnachtsbaumwurm gräbt sich als Larve in junges Korallengewebe ein, noch bevor die Koralle das harte Kalkskelett vollständig aufgebaut hat. Das Korallengewebe wächst dann um die Röhre des Wurms herum weiter — Röhre und Koralle verwachsen fest miteinander.

Ob das Verhältnis parasitisch, kommensal oder sogar mutualistisch ist, wird diskutiert. Es gibt Hinweise, dass S. giganteus lokal das Korallenwachstum leicht verlangsamt (Ressourcenkonkurrenz), andererseits zeigen dicht besiedelte Porites-Korallen keine signifikant schlechtere Gesundheit als unbesiedelte. Die Koexistenz ist jedenfalls dauerhaft: Weihnachtsbaumwürmer werden bis zu 40 Jahre alt und verlassen ihre Röhre nie wieder freiwillig.

Wo auf Koh Tao findest du Weihnachtsbaumwürmer?

Überall dort, wo massive Porites-Korallen wachsen — und das ist auf Koh Tao an den meisten Riffen der Fall. Besonders dichte Vorkommen gibt es an folgenden Spots:

Japanese Garden (Koh Nang Yuan, 4–14 m) ist ideal für Anfänger und Schnorchler. Der flache Korallengarten ist mit Porites-Massivkorallen übersät, auf denen pro Korallenstock oft 15–30 Weihnachtsbaumwürmer sitzen.

Aow Leuk im Südosten (5–18 m) bietet ruhiges Wasser und exzellente Sichtweiten, ideal für Makrofotografie. Die Porites-Blöcke hier sind besonders groß und dicht besiedelt.

Shark Island (5–20 m) hat ebenfalls starke Vorkommen, kombiniert mit einer vielfältigen Rifffauna — ein guter Spot für Taucher, die neben Makro auch auf Pelagisches hoffen.

Einen Überblick über alle Tiere auf dem Koh Tao Riff gibt die Unterwasserwelt von Koh Tao.

Makrofotografie: So fotografierst du Weihnachtsbaumwürmer

Weihnachtsbaumwürmer sind hervorragende Makro-Motive — farbenfroh, kontrastreich und relativ ruhig, solange du keine Erschütterungen erzeugst. Die Herausforderung liegt in ihrer Kleinheit (3–4 cm) und ihrer Schreckhaftigkeit.

Kein Atemstoß direkt ans Riff. Das Ausatmen erzeugt Blasen und Druckwellen, die den Wurm sofort in die Röhre treiben. Ausatmen immer seitlich oder nach oben, niemals in Richtung des Motivs.

Tiefe Schärfentiefe nutzen. Bei so kleinen Motiven ist die Schärfentiefe extrem gering. Blende schließen (höherer f-Wert) und nah rangehen statt optisch zoomen.

Weißabgleich und Blitz. In mehr als 5 Metern Tiefe geht Rot verloren. Ein Makroblitz oder Videolicht stellt die Farben originalgetreu dar. Die Olympus TG-7 mit integriertem Blitz und Nahlinse liefert hier sehr gute Ergebnisse. Für noch mehr Detailtiefe empfiehlt sich eine dedizierte Unterwasser-Makrolinse — zum Beispiel die Fantasea Nahlinse für Olympus TG-Modelle, die die effektive Vergrößerung deutlich erhöht.

Geduld, nicht Geschwindigkeit. Wer zu schnell rangeht, fotografiert leere Röhren. 1–2 Minuten reglos vor dem Motiv warten, bis sich alle Spiralen vollständig entfaltet haben — dann hast du das Bild.


FAQ: Weihnachtsbaumwurm auf Koh Tao

Was ist ein Weihnachtsbaumwurm genau? Spirobranchus giganteus ist ein Röhrenwurm aus der Familie der Serpulidae (Vielborster, Polychaeta). Er lebt permanent in einer Kalkröhre, die in das Gerüst lebender Porites-Korallen eingebohrt ist. Was du siehst, sind seine zwei spiralförmigen Kiemenbüschel (Radiolen), die gleichzeitig atmen und Nahrung filtrieren.

Warum zieht sich der Weihnachtsbaumwurm so schnell zurück? Spezialisierte Mechano- und Photorezeptoren in den Radiolen registrieren Erschütterungen, Druckveränderungen und Lichtveränderungen in unter 50 Millisekunden. Ein reflexartig ausgelöster Muskelzug zieht die gesamten Radiolen in die schützende Röhre. Das Operculum (ein horniger Deckel) verschließt anschließend den Eingang.

Sind alle Weihnachtsbaumwürmer an einer Koralle eine einzige Art? Auf Koh Tao ist fast ausschließlich Spirobranchus giganteus vertreten, gelegentlich auch Spirobranchus corniculatus. Die unterschiedlichen Farben innerhalb einer Kolonie sind kein Artmerkmal, sondern genetisch bedingte individuelle Variation innerhalb derselben Art.

Schadet der Weihnachtsbaumwurm der Koralle? Die Beziehung ist komplex. Der Wurm bohrt sich als Larve in junges Korallengewebe ein; die Koralle wächst um ihn herum. Ein leicht verlangsamtes lokales Wachstum ist möglich, hat aber auf dicht besiedelte Porites-Korallen keinen nachgewiesenen signifikanten Gesundheitseffekt. Die Beziehung gilt als zumindest kommensal, möglicherweise leicht parasitisch.

Kann ich Weihnachtsbaumwürmer auch beim Schnorcheln sehen? Ja, definitiv. In Tiefen von 2–5 Metern sitzen sie auf flachen Porites-Blöcken, die auch für Schnorchler erreichbar sind. Japanese Garden auf Koh Nang Yuan ist ein idealer Schnorchelspot mit dichten Vorkommen.


Fazit: Winzig, bunt und biologisch raffiniert

Der Weihnachtsbaumwurm ist einer dieser Taucher-Klassiker, an dem man beim ersten Tauchgang achtlos vorbeischwimmt — und danach bei jedem weiteren Tauchgang stehen bleibt. Die Kombination aus extremer Farbenvielfalt, blitzschnellem Verhalten und dem seltsamen Doppelleben als Atemapparat und Nahrungsfilter macht ihn zu einem der lehrreichsten kleinen Tiere im Riff.

Auf Koh Tao wirst du ihn bei fast jedem Tauchgang sehen. Die Frage ist nur, ob du langsam genug tauchst, um ihn wirklich zu bemerken.


Artidentifikation nach WoRMS (World Register of Marine Species). Wissenschaftliche Quellen: Hartman (1969), Polychaeta; Ten Hove & Kupriyanova (2009), Zootaxa.

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