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Seegurke auf Koh Tao: Der unterschätzte Ökosystem-Ingenieur

Seegurken auf Koh Tao: Biologie, Eviszeration, ökologische Rolle und warum Holothuria scabra zu den wichtigsten Tieren im Riff gehört.

MB
Marc Böhle
Aktualisiert: 15. März 2026
Seegurke Holothuria scabra auf Sandboden vor einem Korallenriff auf Koh Tao, Thailand

Es gibt Tiere auf dem Riff, die Taucher sofort fotografieren wollen. Den Hammerhai, den Walhair, den Mantelstrahl. Und dann gibt es die Seegurke — ein walzenförmiges, braunes Ding auf dem Sandboden, das sich nicht bewegt und aussieht wie ein vergessenes Stück Seetang.

Kein Taucher dreht für die Seegurke um. Dabei ist sie möglicherweise das biologisch interessanteste Tier des gesamten Riffs.

Seegurke auf Koh Tao — die Kurzantwort

Seegurken sind Holothurien — keine Würmer, keine Schnecken, sondern Stachelhäuter (Echinodermata), engere Verwandte von Seesternen und Seeigeln. Weltweit gibt es rund 1.250 Arten. Auf Koh Tao sind die häufigsten Arten die Sandfish-Seegurke (Holothuria scabra) auf sandigen Böden und die Ananas-Seegurke (Thelenota ananas) auf Riffböden. Beide findest du in Tiefen von 2–30 Metern ganzjährig.

Die Seegurke hat zwei außergewöhnliche Eigenschaften: Sie wirft bei Gefahr ihre eigenen Eingeweide aus — als Ablenkungsmanöver für Fressfeinde. Und sie filtert täglich enorme Mengen Sediment, das sie für das Riff-Ökosystem aufbereitet.

Eviszeration: Der verrückteste Überlebensstrick im Meer

Wenn du eine Seegurke in die Hand nimmst — was du nicht tun solltest —, kann sie etwas tun, das bei Menschen nach dem Horror-Genre klingt: Sie drückt ihre eigenen Eingeweide aus ihrer Körperöffnung heraus, direkt in Richtung der Bedrohung.

Dieser Prozess heißt Eviszeration (lat. evisceratio = Ausweidung) und ist eine vollständig kontrollierte, reflexartige Verteidigungsreaktion. Was dabei ausgestoßen wird, sind in der Regel die Darmschlingen und bei manchen Arten die sogenannten Cuvierschen Schläuche (Tubuli Cuvieri) — klebrige, fadenförmige Strukturen, die sich im Kontakt mit Wasser stark ausdehnen und einen Angreifer buchstäblich verkleben und behindern können.

Das Tier überlebt diesen Vorgang problemlos. Die Regeneration beginnt innerhalb von Stunden. Innere Organe — Darm, Atmungsorgane (Wasserorgane), Teile des Fortpflanzungssystems — wachsen in 2–8 Wochen vollständig nach. Seegurken sind in ihrer Regenerationsfähigkeit selbst unter Stachelhäutern außergewöhnlich.

Warum nicht einfach wegschwimmen? Seegurken können das kaum — sie bewegen sich über Musselkontraktion und Wasserdruck in winzigen Schritten vorwärts. Eviszeration ist ihre einzige aktive Verteidigungsoption.

Ökosystem-Ingenieur: Das Sand-Recycling des Riffs

Die ökologische Bedeutung von Seegurken wird von Tauchern und selbst von vielen Biologen unterschätzt.

Seegurken ernähren sich, indem sie Sandboden oder Sediment aufnehmen, die organischen Partikel (abgestorbenes Plankton, Bakterienmatten, Algenreste) herausfiltern und den gereinigten Sand wieder ausscheiden. Holothuria scabra verarbeitet dabei bis zu 200 Kilogramm Sediment pro Jahr — ein einziges Tier.

Was dabei passiert, ist für das Riff entscheidend: Das ausgeschiedene Sediment ist feiner, lockerer und nährstoffarmer als das aufgenommene. Durch diesen Prozess wird der Sandböden durchlüftet und die anaerobe Faulung (die durch Sauerstoffmangel entsteht) verhindert. Gleichzeitig setzen Seegurken beim Verdauungsprozess Calciumcarbonat und Ammoniumverbindungen frei, die Korallen für ihr Wachstum benötigen.

Eine 2012 in PLOS ONE veröffentlichte Studie (Schneider et al.) berechnete, dass in einem gesunden Riff-Ökosystem Seegurken mehr Calciumcarbonat im richtigen pH-Bereich freisetzen als durch Ozeanversauerung verloren geht — lokal, in unmittelbarer Riffnähe.

Das macht Seegurken zu einem Puffersystem gegen Ozeanversauerung auf kleiner Skala.

Die Ananas-Seegurke: Der Koloss auf dem Riff

Thelenota ananas — die Ananas-Seegurke — ist nicht zu übersehen. Sie erreicht Längen von bis zu 80 Zentimetern und hat charakteristische rote bis orange Zipfelfortsätze auf der Rückenoberfläche, die ihr den Ananas-Vergleich eingebracht haben. Auf dem Riffboden liegt sie meist reglos; bewegt sie sich, tut sie das mit einer Langsamkeit, die kaum wahrnehmbar ist.

Auf Koh Tao findest du sie häufig auf Riffböden zwischen 10 und 25 Metern, besonders an Spots mit leichter Strömung, die ihr organisches Material anspült. Sie frisst nicht Sediment, sondern bevorzugt größere organische Partikel auf dem Riffboden.

Wo auf Koh Tao findest du Seegurken?

Holothuria scabra ist auf sandigen Böden in 2–15 Metern Tiefe nahezu überall anzutreffen. Besonders dichte Vorkommen gibt es in Tanote Bay, Aow Leuk und auf dem flachen Sandboden zwischen den Riffen im Japanese Garden.

Thelenota ananas bevorzugt Riffböden in etwas größeren Tiefen. Verlässliche Sichtungen: Chumphon Pinnacle (18–24 m), Southwest Pinnacle (15–25 m) und Shark Island (10–20 m).

Einen Überblick über die Unterwasserwelt von Koh Tao mit allen häufigen Arten gibt es auf der Übersichtsseite.

Überfischung und der Heilmittel-Mythos

Seegurken werden in großen Teilen Asiens als Delikatesse und als Zutat in der traditionellen Medizin gehandelt. In China, Japan und Indonesien werden getrocknete Seegurken (Bêche-de-mer oder Trepang) für bis zu mehrere hundert Euro pro Kilogramm gehandelt.

Die wissenschaftliche Grundlage für die behaupteten Heilwirkungen (Gelenkschmerzen, Blutdruckregulierung, Potenz) ist schwach bis nicht vorhanden. Trotzdem hat die Nachfrage in den letzten Jahrzehnten zu massiver Überfischung geführt. Die IUCN listet Holothuria scabra als gefährdet (VU — Vulnerable). In manchen Regionen des Indopazifiks sind Populationen um über 90 Prozent zurückgegangen.

Auf Koh Tao sind Seegurken durch die Meeresschutzzone geschützt. Wie du durch dein Tauchverhalten direkt zum Schutz des Riffs beitragen kannst, erklärt der Artikel über nachhaltiges Tauchen auf Koh Tao.


FAQ: Seegurke auf Koh Tao

Was macht eine Seegurke wenn man sie anfasst? Seegurken können bei Stress ihre Eingeweide (Eviszeration) oder klebrige Fäden (Cuviersche Schläuche) auswerfen. Das ist harmlos für den Taucher, aber gefährlich für die Seegurke, die danach erhebliche Regenerationsenergie aufwenden muss. Seegurken sollten deshalb nie berührt oder aufgehoben werden.

Sind Seegurken giftig? Manche Arten (besonders Holothuria leucospilota) enthalten Holothurin — ein Saponin-Toxin, das vor Fressfeinden schützt. Das Berühren einer Seegurke ist für Menschen harmlos, aber das Schleimige auf der Haut sollte man sich nicht in die Augen reiben. Beim Kochen ohne korrekte Vorbereitung können holothurinhaltige Arten giftig sein.

Wie erkenne ich die verschiedenen Seegurken-Arten auf Koh Tao? Holothuria scabra: Mittelgroß (20–40 cm), dorsoventral abgeflacht, hellgrau bis beige mit dunklen Flecken, auf Sandböden. Thelenota ananas: Groß (40–80 cm), auffällige rote-orange Zipfelfortsätze auf dem Rücken, auf Riffböden.

Warum sind Seegurken wichtig für das Riff-Ökosystem? Sie filtern Sediment, durchlüften Sandböden, verhindern anaerobe Faulung und setzen für Korallen wichtige Mineralstoffe frei. Eine Seegurke verarbeitet bis zu 200 kg Sediment pro Jahr. In Populationen, die durch Überfischung verschwunden sind, degradiert die Sedimentqualität messbar.

Kann die Seegurke nach der Eviszeration überleben? Ja. Seegurken regenerieren ihre inneren Organe in 2–8 Wochen vollständig — einschließlich Darm und Atemorganen. Die Regenerationsfähigkeit von Holothurien wird in der Biomedizin intensiv erforscht.


Fazit: Das unscheinbarste und wichtigste Tier des Riffs

Die Seegurke ist ein Tier, das niemand fotografiert und niemand vermisst — bis es weg ist. Ihre Rolle als Sediment-Recycler, Kalkpuffer und Bodenbelüfter ist für ein gesundes Riff unverzichtbar. Und ihr Überlebensmechanismus — einfach die Eingeweide rauswerfen und danach weitermachen — ist biologisch so absurd effektiv, dass er nach Erfindung aussieht.

Beim nächsten Tauchgang auf Koh Tao: einmal kurz stehenbleiben, wenn du das braune Ding auf dem Sandboden siehst. Es ist interessanter als es aussieht.


Artidentifikation nach WoRMS (World Register of Marine Species). Wissenschaftliche Quellen: Schneider et al. (2012), PLOS ONE; Conand (2006), Advances in Marine Biology (Holothurien-Ökologie und Überfischung).

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