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Nacktschnecken auf Koh Tao: Die Schmetterlinge des Meeres

Nacktschnecken (Nudibranchs) auf Koh Tao: 30+ Arten, Top-5-Liste, wo du sie findest und warum ihre leuchtenden Farben eine Warnung sind.

MB
Marc Böhle
Aktualisiert: 15. März 2026
Chromodoris Nacktschnecke auf einem Korallenriff auf Koh Tao
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Schmetterlinge können nicht tauchen. Also hat das Meer seine eigenen gebaut.

Nacktschnecken — auf Englisch Nudibranchs, was so viel bedeutet wie “nacktkiemig” — sind Weichtiere ohne Schale, die aussehen, als hätte jemand einem Tier erlaubt, alles gleichzeitig zu sein: feurig rot, türkis gesäumt, mit weißen Punkten auf schwarzem Grund, mit orangefarbenen Federbüscheln auf dem Rücken. Es gibt kaum ein anderes Tier im Meer, das in so kurzer Sichtweite so viele Formen und Farben vereint wie die Nacktschnecken der Riffe rund um Koh Tao.

Was sind Nudibranchs?

Nudibranchs (Ordnung Nudibranchia) sind marine Gastropoden — also Schnecken — die im Laufe der Evolution ihre Schale vollständig verloren haben. Weltweit sind etwa 3.000 Arten beschrieben, und Meeresbiologen schätzen, dass noch viele weitere unentdeckt sind. Auf Koh Tao wurden bisher mehr als 30 verschiedene Arten dokumentiert, und wer gezielt sucht, findet fast auf jedem Tauchgang etwas Neues.

MerkmalWert
OrdnungNudibranchia
Weltweit beschriebene Artenca. 3.000
Auf Koh Tao dokumentiert30+ Arten
Größe5 mm bis ca. 30 cm
Tiefe auf Koh Tao5–30 m
LebensraumKorallen, Schwämme, Felsen, überall im Riff
HäufigkeitGelegentlich bis regelmäßig (artabhängig)

Was Nudibranchs so besonders macht: Sie sind Weichtiere ohne jede mechanische Schutzvorrichtung. Keine Schale, keine Giftstacheln, keine nennenswerte Geschwindigkeit. Und trotzdem fressen sie fast keine natürlichen Feinde. Ihr Schutz ist die Chemie.

Die Top 5 Nacktschnecken auf Koh Tao

Die Artenvielfalt auf Koh Tao ist für einen tropischen Spot vergleichsweise hoch. Diese fünf Arten werden am häufigsten gesichtet und sind fotogenste Vertreter ihrer Gattungen:

ArtFarbe / AussehenGrößeBesonderheit
Chromodoris annaeBlau mit schwarzen Punkten, orangefarbener RandBis 5 cmKlassische “Blaupunkt-Nacktschnecke”, sehr fotogen
Nembrotha cristataDunkelgrün bis schwarz, rote Punkte, rote KiemenBis 6 cmFrisst Seescheiden; leuchtendes Rot-Kontrast
Flabellina sp.Violett/rosa, lange Cerata (Rückenfortsätze)Bis 3 cmCerata können Nesselzellen der Beute recyceln
Phyllodesmium sp.Transparenter Körper, braunorange CerataBis 4 cmLebt in Symbiose mit Zooxanthellen (Algen)
Glossodoris atromarginataWeiß mit schwarzem RandBis 8 cmSehr häufig, ideal für Einsteiger

Die Tabelle ist eine Momentaufnahme. Wer mehrere Tauchgänge pro Woche macht und aktiv sucht, wird zusätzliche Arten entdecken — darunter seltene Gattungen wie Halgerda, Tambja oder die prächtigen Vertreter der Hypselodoris-Gruppe.

Woher kommt das Gift? Der Aposematismus der Nudibranchs

Leuchtende Farben in der Natur sind selten ein Zufall. In der Biologie nennt man das Warnfärbungsprinzip Aposematismus: Das Tier signalisiert potenziellen Fressfeinden durch auffällige Farbgebung, dass es giftig oder unangenehm ist. Das Prinzip ist in der Natur weit verbreitet — von Pfeilgiftfröschen bis zum Marienkäfer.

Nudibranchs haben eine elegantere Lösung als die meisten: Sie produzieren ihre Gifte nicht selbst. Sie recyceln sie.

Doridaceen (die schalenlose Gruppe, zu der Chromodoris und Nembrotha gehören) fressen Schwämme und Hydroide, die oft Giftstoffe enthalten — Alkaloide, Terpene, andere Sekundärmetaboliten. Der menschliche Körper würde diese Stoffe so schnell wie möglich eliminieren. Die Nacktschnecke tut das Gegenteil: Sie lagert die Toxine in speziellen Körperzellen ein und kann sie bei Bedrohung über die Hautdrüsen absondern.

Aeolidaceen (zu denen Flabellina gehört) fressen Hydrozoen und Anemonen — Tiere mit Nesselzellen. Statt die Nesselzellen zu verdauen, transportiert die Nacktschnecke sie aktiv in die Spitzen ihrer Cerata (Rückenfortsätze) und kann sie dort als Defensivwaffe einsetzen. Das ist nicht nur bemerkenswert — es ist einzigartig im Tierreich. Kein anderes Tier ist bekannt, das fremde Zellorganellen funktionsfähig aus der Nahrung in den eigenen Körper integriert.

Das Ergebnis: Die meisten Fische haben gelernt, bunte, langsame, auffällige Tiere zu meiden. Eine Nacktschnecke, die gemächlich über einen Schwamm kriecht, ist kein leichtes Opfer. Sie ist eine Warnung in Körperform.

Wo auf Koh Tao findest du Nacktschnecken?

Nudibranchs gibt es prinzipiell überall im Riff — aber bestimmte Spots liefern regelmäßig hohe Sichtungszahlen:

White Rock: Dieser zentrale Spot westlich von Koh Tao mit seinen Pinnakeln, Überhängen und diversen Schwamm-Kolonien ist der klassische Nudibranch-Spot auf der Insel. Wer hier langsam taucht und die Schwämme und Felsen genau absucht, findet fast immer mindestens zwei oder drei Arten.

Coral Garden: Die flachen, reich strukturierten Riffe im Süden der Insel bieten eine hervorragende Biodiversität. Besonders die Übergangszonen zwischen lebendem Riff und toten Substrat sind Nudibranch-Hotspots — dort, wo es viele Schwämme gibt.

Southwest Pinnacle: Auf dem tieferen Abschnitt des Pinnacles (15–25 m) gibt es reiche Schwamm-Kolonien und Hydroide, die als Nahrungsgrundlage für mehrere Arten dienen. Seltene Arten werden hier häufiger gesichtet als an den flacheren Spots.

Überall: Das ist nicht übertrieben. Eine Nacktschnecke kann buchstäblich überall auftauchen — auf einem Stein, auf einer toten Koralle, auf dem Sandboden, auf der Unterseite eines Felsens. Wer gelernt hat, die “Suchhaltung” einzunehmen — also jeden Stein von unten zu betrachten, jeden Schwamm genau abzusuchen — findet Nudibranchs auch an Spots, die als nicht besonders artenreich gelten.

Die Kunst, sie zu finden

Das größte Hindernis beim Nudibranch-Tauchen ist nicht das Sehen — es ist das Hinschauen. Nudibranchs sind oft kleiner als ein Fingernagel, sitzen an Stellen, an denen kein Taucher normalerweise hinschaut, und imitieren gelegentlich die Textur und Farbe ihrer Nahrungsquelle.

Einige praktische Tipps:

Schaue unter alles. Die Unterseite von Felsen, die Unterseite von Korallenüberhängen, die Unterseite von Schwämmen. Viele Arten meiden direktes Licht und halten sich konsequent in Schattenbereichen auf.

Lerne die Eischnüre. Nudibranchs legen faszinierend strukturierte Eischnüre — spiralförmige oder rüschenartige Gebilde, die auf dem Substrat festgeheftet sind. Oft ist die Eischnur leichter zu sehen als das Tier selbst. Wenn du eine Eischnur siehst, suche in einem Radius von 20 bis 30 cm — das Tier ist fast immer in der Nähe.

Geduld schlägt Geschwindigkeit. Ein erfahrener Nudibranch-Taucher bewegt sich in zehn Minuten nicht mehr als fünf Meter vorwärts. Er dreht Steine um (vorsichtig, und legt sie zurück), beleuchtet jeden Spalt, macht Pause und schaut.

Abends tauchen. Einige Arten sind nachtaktiver und deutlich häufiger bei Nacht- oder Dämmerungstauchgängen zu finden. Ein Nachttauchgang auf Koh Tao lohnt sich allein schon für die Nacktschnecken.

Makrofotografie auf Koh Tao: Der heilige Gral

Nacktschnecken sind das, wofür Makrofotografen nach Koh Tao kommen. Sie sind bunt, sie sitzen still, und wenn man gut beleuchtet, liefern sie Bilder, die kaum zu glauben sind.

Ausrüstung: Die Olympus TG-7 ist eine der beliebtesten Kameras für Nudibranch-Fotografie auf Koh Tao — ihr Makromodus, kombiniert mit einem Ringblitz oder einem kleinen Videolight, liefert gestochen scharfe Aufnahmen selbst kleinster Arten. Wer tiefer einsteigen möchte, findet in der Ausrüstungsübersicht Empfehlungen für Makro-Sets mit Systemkameras.

Technische Empfehlungen:

  • Blende f/11–f/16 für maximale Tiefenschärfe
  • Fokus auf die Kiemenrosette oder die Rhinophoren (die hornartigen Fühler) — das sind die Details, die ein Nudibranch-Foto definieren
  • Zwei Blitze im 45°-Winkel für gleichmäßige Ausleuchtung ohne Überbelichtung der hellen Farbbereiche
  • Mehrere Bilder aus leicht unterschiedlichen Perspektiven

Das besondere Bild: Versuche, das Tier beim Fressen zu fotografieren — Nacktschnecken auf einem Schwamm oder einer Hydrokolonie zeigen ihr natürliches Verhalten und erklären gleichzeitig, warum sie so aussehen, wie sie aussehen.

Häufige Fragen zu Nacktschnecken auf Koh Tao

Sind Nacktschnecken für Taucher gefährlich? Nein. Ihre Gifte sind gegen Fische und Wirbellose wirksam, nicht gegen Menschen. Direkter Hautkontakt kann bei manchen Arten eine leichte Reizung verursachen, ist aber kein ernstes gesundheitliches Risiko. Bitte trotzdem nicht anfassen — das stresst das Tier.

Wie schnell bewegen sich Nacktschnecken? Sehr langsam. Die meisten Arten legen in einer Stunde wenige Zentimeter zurück. Das macht sie ideal für Fotografen — aber auch für Fressfeinde, wären da nicht die Gifte.

Zu welcher Jahreszeit sind die meisten Nacktschnecken auf Koh Tao zu sehen? Sichtungen sind das ganze Jahr möglich. Erfahrene Taucher auf Koh Tao berichten von leicht erhöhter Aktivität in den Monaten mit etwas kühleren Wassertemperaturen (Januar–März, ca. 26–27°C). Aber grundsätzlich gilt: Das ganze Jahr über ist Nudibranch-Saison.

Wie lange lebt eine Nacktschnecke? Die meisten Arten leben nur wenige Monate — zwischen einem und zwei Jahren ist typisch. Einige kleinere Arten haben eine Lebenserwartung von nur wenigen Wochen.

Kann man Nacktschnecken-Arten selbst bestimmen? Mit einem guten Artenführer (z.B. “Nudibranch & Sea Slug Identification” von Terrence Gosliner et al.) ist eine Bestimmung für die häufigsten Arten möglich. Für seltene Gattungen sind hochauflösende Fotos von Rhinophoren, Kiemen und Körpermuster notwendig.

Fazit: Bunt, giftig, unvergesslich

Es braucht kein seltenes Tier, um einen Tauchgang auf Koh Tao außergewöhnlich zu machen. Manchmal braucht es nur eine 3 cm große Nacktschnecke in leuchtendem Blau und Orange auf einem grauen Stein.

Wer Nudibranchs entdeckt hat, taucht danach anders. Langsamer. Neugieriger. Mit dem Wissen, dass das Außergewöhnliche nicht auf dem freien Wasser auf dich wartet — es sitzt unter dem Stein direkt neben dir, und du hast es bisher einfach nicht gesehen.


Nacktschnecken dürfen auf Koh Tao nicht berührt, gesammelt oder aus dem Wasser genommen werden. Fotos sind der einzige respektvolle Weg, sie mit nach Hause zu nehmen.

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